Die verbindende Kraft von Dialog und Begegnung

Religionen motivieren Menschen, sich für andere und die Gemeinschaft einzusetzen. Sie können aber auch gesellschaftliche Konflikte, Abgrenzung und Intoleranz gegenüber Andersdenkenden und -gläubigen befeuern. Was können kirchliche und religionsnahe Stiftungen konkret für gesellschaftlichen Zusammenhalt tun? Über Ansätze der Stiftung Weltethos und der Hanns-Lilje-Stiftung habe ich mit Lena Zoller und Christoph Dahling-Sander gesprochen.

Ein gemeinsames Menschheitsethos als Basis

Chicago, 4. September 1993: Das Parlament der Weltreligionen verabschiedet die „Erklärung zum Weltethos“. 6.500 Angehörige verschiedenster Religionen verständigen sich damit auf ein gemeinsames Menschheitsethos, dem alle Glaubensgemeinschaften zustimmen können. Im Kern stehen das Prinzip Menschlichkeit („Jeder Mensch muss menschlich behandelt werden“), die Goldene Regel („verhalte dich gegenüber deinen Mitmenschen so, wie du selbst behandelt werden willst“) und vier „unverrückbare Weisungen“: Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und Partnerschaftlichkeit zwischen Mann und Frau. 2018 wird noch eine fünfte Weisung ergänzt: die Verpflichtung auf eine Kultur der Nachhaltigkeit und der Sorge für die Erde.

Auf dieser Basis arbeitet die Stiftung Weltethos in Tübingen. Gegründet wurde sie 1995 von dem katholischen Theologen Prof. Dr. Hans Küng, der den Entwurf der Erklärung zum Weltethos erarbeitet hatte, und von Karl Konrad Graf von der Groeben, einem Philanthropen, der das Gründungskapital zur Verfügung stellte.

In 25 Jahren ist die Stiftung zu einem breit aufgestellten Team herangewachsen. 2012 gründete sie zusammen mit der Universität Tübingen und der Karl Schlecht Stiftung das Weltethos-Institut, das sich vor allem mit dem Thema Wirtschaftsethik befasst. Die Stiftung fokussiert sich mit zahlreichen Projekten und Programmen auf die Förderung interkultureller und interreligiöser Forschung, Bildung und Begegnung. Gemeinsam verfolgen sie mit einer Vielzahl von Kooperationspartnern das Ziel, die Weltethos-Prinzipien stärker in der Gesellschaft zu verankern.

Räte der Religionen

Ein wichtiges Projekt im Bereich Interreligiöses und Gesellschaft ist das Projekt „Lokale Räte der Religionen“, das die Stiftung seit 2017 zusammen mit dem Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg durchführt. Sie berät und begleitet Kommunen, die einen Rat der Religionen gründen wollen. „Das ist ein interreligiöses Gremium, dem Vertreter*innen der Kommune und von vor Ort ansässigen Glaubensgemeinschaften angehören“, erklärt Bereichsleiterin Lena Zoller. Die Räte bringen sich zu kommunalen Fragen ein, die die Religionsgemeinschaften betreffen. Zum Beispiel: Wie muss der Friedhof gestaltet werden, damit dort alle Menschen beerdigt werden können? Wie muss der Speiseplan in öffentlichen Einrichtungen aussehen, damit für jeden etwas dabei ist?

Lena Zoller findet es wichtig, interreligiösen Dialog nicht nur um des Dialoges willen zu führen, sondern dabei ebenso Themen in den Mittelpunkt zu stellen, die alle angehen. Das soll auch in einem neuen Projekt passieren, der „Zukunftswerkstatt Gutes Leben“. Initiiert von der Stiftung Weltethos und gefördert durch Mittel des Staatsministeriums Baden-Württemberg und von Engagement Global, richtet es sich an Engagierte zwischen 18 und 35 Jahren aus verschiedenen Religionsgemeinschaften, die sich für ein gutes Leben für alle einsetzen. Es geht um soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit und um ökologische Verantwortung. Eine Grundlage bilden die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen.

Dialog integrieren

Zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen – das macht auch die evangelische Hanns-Lilje-Stiftung in Hannover, indem sie Dialoge anstößt. „Dialog – das bedeutet, die eigene Brille abzusetzen und einfach mal aus einer anderen Blickrichtung zu schauen. Sich durch andere anregen und hinterfragen zu lassen“, erklärt Geschäftsführer Prof. Dr. Christoph Dahling-Sander, der zusammen mit Thomas Hoyer den Arbeitskreis Kirchen im Bundesverband Deutscher Stiftungen leitet: „Unser Motto ‚Wir stiften Dialoge‘ steht nicht nur über unseren eigenen Projekten, sondern ist auch ein strenges Kriterium in unserer Förderpraxis.“

Wie Dialog in Projekte integriert werden kann, dazu berät die Stiftung ihre Antragsteller auch. Ein Beispiel: Der Juventis Jugendchor in Celle wollte Bachs Johannes-Passion aufführen und fragte dafür eine Förderung an. „Ein rein kirchenmusikalisches Projekt können wir nicht machen“, so der Stiftungschef. Also gab es Gespräche mit dem Chor, der das Projekt daraufhin um einen dialogischen Aspekt erweiterte. „Hintergrund ist: In der Johannes-Passion wird seit Jahrhunderten eine bestimmte Form von Antisemitismus weitertradiert“, so Dahling-Sander. Anliegen der Stiftung sei es gewesen, dies den Besuchern bewusst zu machen. „Die Jugendlichen haben sich darauf eingelassen. Sie haben andere Jugendliche und erwachsene Prominente zu den Themen Schuld, Macht und Verantwortung befragt, dazu Videoclips produziert, der Chorleiter hat überleitende musikalische Elemente geschaffen – all das wurde zu einer neuen Johannes-Passion zusammengeführt“, freut sich Dahling-Sander. „So kann man zum Beispiel die Besucher des Kirchenkonzerts dazu bringen, sich mit Antisemitismus auseinanderzusetzen. Man kann Leute erreichen, die man mit einer Podiumsdiskussion nicht erreicht hätte, und ihnen neue Perspektiven eröffnen.“

„Begegnungen sind das A und O“

Aber sind nicht gerade diejenigen Menschen das „Problem“, die nicht offen für Dialog sind und den Perspektivwechsel verweigern? „Die vertreten dann schon fundamentalistische Positionen“, meint der Theologe. „Das Entscheidende ist, Leute zu erreichen, die auf der Kippe stehen, in populistische Denkweisen zu verfallen, und hier offenes Denken zu stärken.“ Seiner Erfahrung nach gelinge es durchaus, Menschen ins Gespräch zu holen: „Begegnungen sind dafür das A und O, im interreligiösen, aber auch im politischen Diskurs.“

Solche Begegnungen ermöglichte auch eine von der Stiftung geförderte Ausstellung im Sommer 2019. Sechs Künster*innen aus Syrien, die in Hannover und Umgebung leben, präsentierten ihre Werke in der Hannoverschen Marktkirche. Die Ausstellung habe viele ­Besucher*innen überrascht, erzählt Dahling-Sander: „Sie erlebten Horizonterweiterungen – das war ein Geschenk mit riesigen Aha-Effekten. Meine Erfahrung ist: Begegnungen tragen am weitesten. In dem Moment, wo sich Menschen unterschiedlichen Glaubens und verschiedener Kulturen begegnen und wirklich austauschen, zehren sie davon – und erzählen das dann auch anderen.“

Die Corona-Krise mobilisiert Kräfte

Empfinden die Menschen Religion denn noch als verbindende Kraft? Ja, meint Dahling-Sander: „Im Alltag wird Religion – christliche, aber zum Beispiel auch jüdische und islamische – in Bezug auf gesellschaftlichen Zusammenhalt als sehr positiv wahrgenommen. Das gelte insbesondere für soziale Einrichtungen von Caritas und Diakonie – viele davon von Stiftungen getragen. „Diese Einrichtungen sind offen für alle, unabhängig von der Religionszugehörigkeit. Das wird in der Gesellschaft hoch honoriert.“

Gerade jetzt in der Corona-Krise zeige sich die Stärke kirchlicher und religiöser Institutionen: Sie seien wichtige Akteure, um die sozialen Kontakte aufrechtzuerhalten und den Zusammenhalt zu stärken – analog und digital. „Es geht darum, bei geringer physischer Nähe die soziale Nähe zu erhöhen“, so Dahling-Sander. „Kirchengemeinden und Religionsgemeinschaften zeigen nun, was sie dafür zu leisten imstande sind.“  

Autor
Benita v. Behr

freie Journalistin und Lektorin

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Über die Autorin

Benita v. Behr, freie Journalistin und Lektorin in Berlin, hat sich als Studentin in Tübingen für die Stiftung Weltethos engagiert.

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