Die Menschen hinter dem großen Namen - Open Society Foundations neu in Berlin

Berlin Office Open Society Foundations
Globales Engagement
Foto: Jacobia Dahm/Redux for the Open Society Foundations

Unsere Leiterin Internationales arbeitete vier Monate an einem gemeinsamen Projekt im neuen Berliner Büro der aus Ungarn vertriebenen Open Society Foundations. Einblicke in Arbeit und Leben der Menschen von Anke Pätsch.

„Ist diese Frau wirklich eine Deutsche?“, fragt ein ungarischer Ingenieur seine Frau, die bei der Open Society Foundations arbeitet. Dabei habe ich für ihn doch nur bei seinem Telefonanbieter wegen des defekten Internetanschlusses angerufen. Ich bin schockiert, welche Erfahrungen die Kolleginnen und Kollegen bisher in Berlin gemacht haben und darüber, dass die Hotline eines globalen Unternehmens nur auf Deutsch funktioniert. Wer Englisch spricht, kann in den Shops auf Sprachkompetenz hoffen oder sich einen anderen Anbieter suchen. Weltoffen geht anders. Vier Monate war ich im neuen Büro der Open Society Foundation (OSF) in Berlin zu Gast. Ich habe die Menschen kennengelernt und begonnen, ihre Organisation mit dem deutschen Stiftungswesen zu vernetzen. 

Ankommen und Wurzelschlagen

Die OSF-Stiftungsgruppe wirkt seit August 2018 knapp 100 Meter über dem Potsdamer Platz auf zwei Büroetagen des früheren debis-Hauses. Das fünfthöchste Hochhaus in Berlin, entworfen von Renzo Piano, wird von der Firma „WeWork“ als Co-Working-Space vermietet. Natürlich besticht der „Artrium Tower“ durch die gute Aussicht. Auch mit gutem Kaffee, stylischem Ambiente und Serviceangeboten wie Feierabendbier, Tischtennis und Yoga. Doch die Großraumbüros mit Clean-Desk-Policy haben zu wenige Besprechungsräume und bieten kaum Möglichkeiten für ungestörtes bzw. Nicht-Andere-Störendes-Telefonieren. Die Mitarbeitenden von OSF sind aus Budapest bessere Arbeitsbedingungen gewohnt und sprechen von „WeCan´tWork“, wenn die Fahrstühle wieder mal auf sich warten lassen. Und doch sind sie froh, in Berlin arbeiten zu können, nachdem sie Ungarn Hals über Kopf verlassen mussten. Weg aus einem Land, in dem sie sich nicht mehr getraut haben, zu sagen, wo bzw. für wen sie arbeiten. Der OSF-Gründer George Soros wurde vom ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban als Feindbild stilisiert und missbraucht für eine Politik der Ausgrenzung. Die Menschen bei OSF sind erleichtert, doch sie vermissen ihr Freunde und Familien. Wer nach Ungarn fährt, um sie zu besuchen, muss aus Sicherheitsgründen das Diensthandy ausschalten. Europa im 21. Jahrhundert?!

Anfang September 2019 wird das OSF Hub Berlin erneut umziehen. Zum Gendarmenmarkt, wieder nur übergangsweise, für zwei Jahre. Bis das Gebäude mit Campus gefunden ist, von dem sie träumen bei OSF. Sie möchten die offene Gesellschaft, für die sie eintreten, auch im Büroalltag erlebbar machen. Ein zentral gelegenes Haus mit Kita oder Altenheim im Erdgeschoss. Vielleicht mit einer Bibliothek in der ersten Etage. Auf alle Fälle mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sie fördern oder mit denen sie gemeinsame Projekte voranbringen können. Wer solche Objekte kennt, die noch nicht auf dem Markt sind, melde sich gern!

Die Menschen ziehen um, nicht nur das Büro

Doch momentan ist vor allem der menschliche Aspekt dieses historisch einmaligen Umzugs eines ganzen Stiftungsbüros bestimmend für das Leben der 150 mehrheitlich ungarischen Mitarbeitenden. Eine neue Sprache lernen, neue Freunde suchen, Jobs für Partnerinnen oder Partner, Kitaplätze, Schulen finden – all das wird erschwert durch die Wohnungssuche im überteuerten Berlin. Die Veranstaltung zum Bildungssystem in Deutschland, die ich organisiert habe für die Mütter und Väter bei OSF, fand besonders regen Anklang. Gemeinsam mit der Stiftung Bildung haben wir die verschiedenen Schularten und Bildungswege erklärt und Kontakte für weitere Beratung vermittelt. Wer selbst Kinder hat, weiß wie komplex das Thema ist.

Eine zusätzliche Belastung war es für die Kolleginnen und Kollegen in Berlin und im temporären Wiener Büro sich bis Ende Februar 2019 entscheiden zu müssen, ob sie bleiben oder OSF verlassen. Zurück nach Ungarn, woanders einen neuen Job suchen? Keine leichte Wahl. Dass sich Mitarbeitende – hauptsächlich aus dem administrativen Bereich – für einen Neuanfang ohne OSF entschieden haben, nach teilweise 10 bis 15 Jahren mit OSF, ist schmerzlich für alle. Nach und nach werden 50 bis 100 Stellen ausgeschrieben für das Berliner Büro. Bis Ende 2020 soll das Team auf rund 200 Personen wachsen. Es gibt viel zu tun im Netzwerk der über 20 nationalen und regionalen Stiftungen, weltweit und länderübergreifenden Programme. Insgesamt ist OSF in 120 Ländern aktiv. 2.000 Menschen arbeiten für OSF in 50 Länderbüros sowie in den Hubs in New York, Washington, Brüssel und London. Aus London sind bereits einige Kollegen und Kolleginnen in den neuen Hub nach Berlin gezogen. Vermutlich folgen weitere, wenn es mit dem Brexit ernst wird.

Vorbild für deutsche Stiftungen!

Für Deutschland und Berlin ist der Zuzug ein Gewinn. Denn die Open Society Foundations fördert weltweit Programme und Aktivisten. Sie stehen ein für Menschenrechte und Demokratie, für mehrfach diskriminierte Minderheiten wie Roma, für Frauenrechte, Geschlechtergerechtigkeit und Pressefreiheit, für eine weltoffene Migrationspolitik und sozialen Wandel. Auf dem Deutschen StiftungsTag präsentierte OSF während der Veranstaltung des Arbeitskreises Internationales Beispiele ihrer Arbeit. Unter dem Titel „Funding on the edge of risk“ gewährten geförderte Projekte Einblicke in die konkrete Arbeit mit Aktivistinnen und Aktivisten und dazu, wie sie bereits jetzt mit deutschen Stiftungen zusammenarbeiten. Stiftungen können viel voneinander lernen! Lassen Sie uns den frischen Blick von OSF in Deutschland nutzen, um neue Wege der Zusammenarbeit zu beschreiten!

Autor
Anke Pätsch

Mitglied der Geschäftsleitung
Leiterin Internationales

Telefon (030) 89 79 47-27

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