Die Börsenkrise als Chance nutzen

Stiftungen brauchen Erträge, mit denen sich sowohl der Stiftungszweck erfüllen lässt und der Erhalt des realen Stiftungskapitals gewährleistet werden kann. In den letzten Jahren war dies mit Zinsanlagen und einer geringen Aktienquote kaum möglich. Der Grund war die geringe Risikoprämie, das heißt die Differenz zwischen den – als risikolos erachteten – deutschen Staatsanleihen und den Renditen der jeweiligen Aktien und Anleihen. Die aktuelle Coronakrise bietet eine gute Gelegenheit auf auskömmliche Erträge für die nächsten Jahre bzw. Jahrzehnte.

Das Wesen von Investments

Bevor auf die aktuelle Situation eingegangen wird, soll kurz an das Wesen eines Investments erinnert werden. Der Wertpapierinhaber erhält eine Risikoprämie, das heißt mehr als den risikolosen Zins, weil er bei Anleihen das Ausfallrisiko trägt und bei Aktien das Gewinnveränderungsrisiko. So wie eine Versicherung Risikoprämien erhält, weil sie zum Beispiel das Risiko eines Ernteausfalls versichert. Kommt es in einem Jahr infolge überdurchschnittlich schlechten Wetters zu sehr vielen Ernteausfällen, macht die Versicherung Verlust. Dieser Verlust wird jedoch in den nächsten Jahren durch Prämieneinnahmen ausgeglichen, sodass die Sache langfristig profitabel ist. Auf gar keinen Fall würde die Versicherung auf die Idee kommen, ihre Versicherungstätigkeit aufzugeben und das dazu gebundene Kapital anderweitig zu verwenden, nur weil ein oder zwei Jahre überdurchschnittlich schlechtes Wetter war. Temporäre Verluste gehören zum Geschäft, sonst gäbe es keine Risikoprämie. Genauso wenig sollten jetzt Stiftungen bei Kursverlusten ihre Wertpapiere verkaufen, sondern die psychischen Schmerzen als Teil der Risikoprämie ansehen, die sie früher verdienten und zukünftig verdienen werden. Das ist mehr als fair und für Stiftungen dank ihres unendlichen Zeithorizonts natürlich auch kein Problem.

Aber wer sagt denn, dass das Wetter nicht permanent schlechter wird? Dann wäre es sinnvoll, aus der Versicherungstätigkeit auszusteigen oder die Prämien zu erhöhen. Damit kommen wir zur entscheidenden Frage, ob die Aktienkurse derzeit einen fairen Unternehmenswert widerspiegeln. Es ist offensichtlich, dass dies niemand mit letzter Gewissheit sagen kann, da die Zukunft derzeit besonders unsicher ist bzw. so erscheint.

Unternehmenswert und Gewinn

Eine gewisse Orientierungsmöglichkeit bietet der Blick auf den Zusammenhang von Gewinn und Unternehmenswert.

Die Grafik zeigt den Unternehmenswert in Abhängigkeit vom Geschäftsverlauf. Dabei wird vereinfachend davon ausgegangen, dass das Unternehmen für einen gewissen Zeitraum überhaupt keinen Gewinn macht, aber in den nachfolgenden Jahren wieder genauso viel wie vorher. Zum Beispiel führt der vollkommene Gewinnausfall für ein Jahr zu einem 7 Prozent niedrigeren Unternehmenswert. Die gegenwärtigen Kursverluste von rund 35 Prozent unterstellen also einen „Unternehmens-Shut-Down“ von fünf Jahren. Dies erscheint als direkte Konsequenz des Virus‘ übertrieben.

Alternativ (und in der Realität kumulativ) könnte ein permanenter Gewinnrückgang von 35 Prozent den Kursrückgang rechtfertigen. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass mit der anstehenden Umstrukturierung der verschiedenen Lieferketten die Gewinne einiger Unternehmen belastet werden. Ein dauerhafter Gewinnrückgang von 35 Prozent für die Gesamtheit der Aktiengesellschaften erscheint mir aber aus heutiger Sicht unwahrscheinlich.

Damit spricht viel dafür, dass wir mittelfristig wieder steigende Kurse sehen, weil ein Teil der derzeitigen Aktienkursrückgänge fundamental nicht gerechtfertigt ist. Die derzeitigen Kurse sind zum einen institutionell bedingt, weil auf Liquidität angewiesene Investoren verkaufen müssen. Vor allem sind sie aber Ausdruck einer hohen Verunsicherung über die Zukunft. In solchen Phasen steigt die Risikoprämie für die versicherten Risiken. Um im Bild zu bleiben: Die Versicherung erhöht die Risikoprämien und die Landwirte sind bereit, diese zu bezahlen.

Daher: Machen Sie Ihre Stiftung in den nächsten Wochen zukunftsfähig. Nutzen Sie die Chance auf hohe Erträge dank hoher Risikoprämien. Natürlich können die Aktienmärkte angesichts der Panik und aufgrund von erzwungenen Verkäufen noch 20 Prozent oder mehr einbrechen. Aber sehen Sie dies als Chance. Warten Sie daher nicht (zu) lange mit dem Aktienkauf.

Auch (Unternehmens-)Anleihen bieten theoretisch wieder attraktivere Risikoprämien, allerdings ist die Verfügbarkeit mangels Liquidität des Anleihehandels derzeit stark eingeschränkt. Wie immer gilt aber: Fragen Sie dazu Ihren Berater wie auch zur Höhe und zeitlichen Aufteilung der Aktienkäufe.

Über den Autor

Der Kapitalmarktexperte Frank Wettlauffer berät Stiftungen bei ihren Anlagen – auch pro bono. Er war Spezialfondsmanager bei der Dresdner Bank und langjähriger Leiter der Stiftungsbetreuung von Schweizer Privatbanken. Mit der Gemeinschaftsstiftung von terre des hommes hat er einen Vermögenspoolingfonds für Stiftungen initiiert.

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