Der Wert des Kreises

Giving Circles sind Trend im Fundraising
Foto: adobe.stock.com / K.C.

„Giving Circles“ sind ein schnell wachsender Trend im Bereich des Fundraising und gemeinnützigen Engagements. Sie machen nicht nur Spaß, sondern sind in repressiven Staaten eine der letzten Möglichkeiten für die Zivilgesellschaft.

Neu ist das Konzept sogenannter Giving Circles keineswegs: Vor allem in den USA tun sich schon seit Jahrhunderten Menschen zusammen und investieren Zeit, um die Anliegen zu unterstützen, die ihnen am Herzen liegen. Neu ist allerdings die rasante Ausbreitung des Live-Crowdfunding-Modells, das die britische Organisation The Funding Network (TFN) entwickelte und das inzwischen weltweit in so unterschiedlichen Ländern wie Australien, Brasilien, Rumänien, Russland, der Türkei, Südafrika und Palästina zum Einsatz kommt. Während es 2013 außerhalb von Großbritannien nur eine kleine Gruppe in Toronto gab, die das Modell nutzte, sind es 2019 bereits 75 Gruppen.

Doch was ist das Besondere des Live-Crowdfundings? Zum einen hat das Modell sich bewährt. In London finden die Events schon seit 2002 mit großem Erfolg statt. Bislang kamen dort bei rund 250 Einzelveranstaltungen über 8 Millionen Euro an Spendengeldern zusammen. Gespendet wurden verschiedenste Summen von zehn bis zu mehreren Tausend Euro.

Gegründet wurde TFN von vier Freunden. Sie hatten die Idee, ihre Freunde und weitere, miteinander bekannte Personenkreise zu einer Veranstaltung einzuladen. Kleine wohltätige Basisorganisationen, die sich für gesellschaftliche Veränderungen einsetzen, sollten dort in sechsminütigen Live-Präsentationen ihre Arbeit vorstellen und Fragen aus dem Publikum beantworten. Im Anschluss an die „Pitches“ verlassen die Präsentierenden den Raum und das Publikum ist aufgerufen, Spendenzusagen – sogenannte Pledges – zu machen, bis eine zuvor vereinbarte Zielsumme erreicht ist. Für jede Wohltätigkeitsorganisation gibt es einen Schirmherren – eine unabhängige Person, die jedoch mit der Organisation eingehend vertraut und bereit ist, sich öffentlich zu ihrer Unterstützung zu bekennen und die erste Spendenzusage zu machen. Anschließend wird das Publikum aufgefordert, ebenfalls Spendenzusagen zu machen, indem Spendenwillige die Hand heben und laut und deutlich einen Spendenbetrag sowie ihren Namen rufen. Die Spendenzusagen werden live auf eine Leinwand projiziert, damit das Publikum mitverfolgen kann, wie das Spendenaufkommen dem Zielbetrag immer näher rückt. Wenn die „Pledging Session“ beendet ist, werden die Präsentatoren wieder in den Raum gebeten und erfahren, wie viel gespendet wurde. Anschließend, auch das gehört dazu, wird gefeiert, dass das Ziel mit vereinten Kräften erreicht wurde.

Hände hoch, jetzt wird gespendet!

Nach dem Event leistet das Publikum eine Einmalzahlung an TFN, das als Vermittler fungiert und die Gelder an die Wohltätigkeitsorganisationen weiterreicht. Diese müssen zwölf Monate später in einem kurzen „Impact Report“ beschreiben, wofür die Mittel verwendet wurden. Mit dem Versenden der Berichte an alle Spender schließt sich der Kreis.

Seit beinahe 20 Jahren organisiert TFN solche Events in Großbritannien und hat seine Abläufe sowie das Veranstaltungsformat in dieser Zeit immer weiterentwickelt. So entstand ein zuverlässiges und vor allem reproduzierbares Modell – ein gebrauchsfertiges Instrument, um Spenden einzuwerben und die Philanthropie für viele Menschen, und nicht nur für wenige Vermögende, zugänglich zu machen und so zu demokratisieren. The Funding Network hat die Erfahrung gemacht, dass diese Art des Spendens bei allen Unterstützern (in der Regel mindestens 80 Prozent des Publikums) etwas Wichtiges bewirkt: Für die Lösung sozialer Probleme sind plötzlich nicht immer nur die anderen zuständig, sondern auch man selbst – und an die Stelle der Ohnmacht gegenüber einem Problem tritt das Gefühl, Teil seiner Lösung zu sein.

Das Format läuft zwar immer auf ähnliche Weise ab, lässt sich aber flexibel an verschiedene Kontexte anpassen. Zum Vergleich: Die Wohltätigkeitsorganisationen, die sich bei TFN Neuseeland vorstellen, setzen sich mit den Rechten der indigenen Bevölkerung auseinander. Die türkische Initiative „Destekle Değiştir“ hingegen klärt an der syrischen Grenze Kinder über Landminen auf. In Australien liegt der Mindestbetrag für eine Spendenzusage bei 100 australischen Dollar, also etwa 60 Euro, während es bei Live­-Crowdfunding-Events in Argentinien 200 Pesos, umgerechnet etwa drei Euro, sind. Im Unterschied zu Australien, wo der Zielbetrag für jede Wohltätigkeitsorganisation umgerechnet 9.000 Euro beträgt, wurden in Argentinien 300 Euro festgelegt.

Der Erfolg des Live-Crowdfunding-Modells hat viele Gründe. Besonders wichtig ist aber, dass es Bürgerstiftungen und anderen Partnerorganisationen in Ländern, in denen freiheitliche Werte keine Selbstverständlichkeit sind, die Arbeit erleichtert und dort mit besonderer Begeisterung aufgegriffen wird. In Bulgarien etwa nutzt es die Sliven Community Foundation, um die ausgegrenzte Volksgruppe der Roma zu unterstützen. In Sliven befindet sich ein Roma-Stadtviertel, in dem viele besonders benachteiligte Angehörige dieser Bevölkerungsgruppe leben, die auf das Übelste stigmatisiert werden. Um dagegen etwas zu unternehmen, nutzen Bürgerstiftungen Giving Circles – mit der Besonderheit, dass bei jeder Veranstaltung mindestens eines der präsentierten Projekte direkt der Roma-Gemeinschaft zugutekommen muss. Die Bürgerstiftung hat noch zwei weitere Vorgaben: Kein Projekt darf die Roma diskriminieren und jedes Projekt muss nach Möglichkeit nachweisen, dass es Roma einbindet. Bisher hat die Sliven Community Foundation zehn erfolgreiche Live-Crowdfunding-Events durchgeführt und für 35 Projekte umgerechnet rund 80.000 Euro an Spenden gesammelt.

„Unser Dorfpolizist sagte, er spende 3.000 Rubel, wenn sein Freund einen Witz erzählt“

Ermutigend ist auch, dass das TFN-Modell für die Gemeinschaftsbildung genutzt wird. An dem ersten Giving-­Circle-Event, das die Mill Community Foundation in Nordrussland veranstaltete, nahmen 92 Menschen teil. Dabei kamen rund 1.200 Euro für drei lokale Projekte zusammen. Außerdem konnten die Teilnehmenden sich melden, um ehrenamtlich an der Realisierung dieser Projekte mitzuwirken. Im Rahmen der drei Projekte wurde unter anderem eine neue Sommerbühne für kulturelle Veranstaltungen im Freien gebaut und im örtlichen Gesundheitszentrum ein Spielbereich eingerichtet. Vera Titowa, eine der Organisatorinnen des Events, erzählt: „Unser Dorfpolizist sagte, er spende 3.000 Rubel, wenn sein Freund einen Witz erzählt. Der Freund erzählte natürlich einen Witz und damit fing der Spaß richtig an. Alle erzählten reihum Witze ­– keine schmutzigen, sondern wirklich nette –und spendeten gleichzeitig Geld. So haben wir 82.700 Rubel für drei Projekte gesammelt, die alle bereits verwirklicht wurden.“

In Palästina sammelt die Dalia Foundation Geld für Projekte, die die Förderkriterien internationaler Nichtregierungsorganisationen (INGOs) nicht erfüllen oder für deren Programme zu klein sind. Beim ersten Event in Palästina wurde 2018 etwa für die Initiative Zeina-Tijmana gesammelt. Sie bringt Beduinenfrauen zusammen, die sich mit dem Verkauf von handgefertigtem Spielzeug ihren Lebensunterhalt verdienen. Einer der Organisatoren des Events in Palästina resümierte, schon die relativ geringen Spendensummen vermittelten den Menschen die Erfahrung, in wichtigen Belangen eigenständig und nicht Getriebene einer internationalen Agenda zu sein.

Abschließend noch ein Blick nach Ungarn. Hier wird die Arbeit durch eine fortschreitende Einengung der zivilgesellschaftlichen Freiräume immer mehr erschwert. Das Live-Crowdfunding indessen floriert, wie Tamás Scsaurszki von der ungarischen Roots & Wings Foundation feststellt, die den Aufbau von Bürgerstiftungen im ganzen Land koordiniert: „Die Mitglieder unseres Kuratoriums waren vom Giving Circle sehr angetan, weil er ein gesellschaftliches Event ist, das Spaß macht, öffentlichkeitswirksam ist und wichtige Aspekte wie Vernetzung und Aufklärung beinhaltet. Dass diese Faktoren in den Vordergrund rücken, ist in Ungarn neu und sehr wichtig. Für die Bürgerstiftung war der Giving Circle zudem eine Möglichkeit, mit Menschen, die für gemeinnütziges Engagement offen sind, und auch mit Künstlern und Unternehmen ins Gespräch zu kommen, die das Event bereitwillig mit Sachspenden unterstützten.“

In Deutschland gibt es zwar noch keine Live-Crowd­fundings dieser Art, Interesse von verschiedenen Stiftungen besteht aber durchaus. Und wenn der Funke erst einmal übergesprungen ist, werden sich die Giving Circles sicherlich auch hierzulande wie ein Lauffeuer ausbreiten. 


Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld

Über die Autorin

Eugenie Harvey ist Geschäftsführerin von The Funding Network.

Beitrag aus: Stiftungswelt Winter 2019
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