Der Schatz im Hinterzimmer

Stiftungs-News
Jutta Häser

Archäologen graben weltweit wertvolle Kulturgüter aus, die dann in Museen kommen. Und danach? Im schlimmsten Fall werden die Exponate gestohlen oder zerstört. Ein von der Gerda Henkel Stiftung gefördertes Projekt in Amman zeigt, wie sich Museen schützen können. 

In Deutschland hat man einen sehr engen Blick auf die Wiege des Christentums. Bethlehem, Nazareth, Jerusalem, dort wirkte Jesus mit seinen Jüngern. Die Städte sind schon Kindern ein Begriff. Meist vergessen wird dabei: Das Christentum hat sich auf viel größerem Raum entwickelt, der von Ägypten bis nach Syrien und in die Türkei reicht.

Auch Jordanien versteht sich als „Heiliges Land“, wirbt im Tourismus damit. Schon im vierten Jahrhundert wurden hier christliche Pilgerstätten ausgewiesen. Die Museen des Landes zeigen Exponate aus Jahrtausenden Geschichte. Auch in Jordanien lässt sich einiges über die Historie des Abendlandes lernen.

Allein: Wenige wissen davon. Und oft sind es die Falschen. Wenn die kulturellen Schätze dann noch in dunklen Hinterzimmern der Museen lagern, ohne Dokumentation, und sich kaum jemand um sie kümmern kann – dann ist das ein Traum für die, die illegalen Handel mit antiken Gefäßen oder Statuetten treiben. Wie schützt man einen Schatz, von dem die Welt wenig Notiz genommen hat? Jordanien ist von Fläche und Einwohnerzahl her mit Portugal vergleichbar. Zehn Millionen Menschen leben hier, zwischen Israel und Saudi-Arabien. Das Königreich grenzt auch an Syrien und den Irak und besitzt einen kurzen Küstenabschnitt am Golf von Akaba, einem Ausläufer des Roten Meeres. Ein gefährliches Land im Pulverfass Naher Osten? Ein zum Leidwesen der jordanischen Tourismusbranche oft gehörtes Vorurteil, aber falsch. Das Königreich war das erste arabische Land, das einen Friedensvertrag mit Israel schloss. Es nahm über die Jahrzehnte viele palästinensische Flüchtlinge auf, zuletzt mehrere Hunderttausend Syrer. Deutschland schätzt das Land als verlässlichen Partner in der Region. Regelmäßig reisen Bundesminister oder sogar der Bundespräsident nach Jordanien.

Die Aufbereitung kommt oft zu kurz

Das bedeutet auch: gute Bedingungen für Stiftungsarbeit. Bei der Gerda Henkel Stiftung, die sich weltweit für Kulturgüterschutz engagiert, fasste man angesichts des Bürgerkrieges in Syrien den Plan, sich in der Region zu engagieren. „Wir haben uns gefragt: Welchen Beitrag können wir als wissenschaftsfördernde Stiftung dort leisten?“, sagt Dr. Anna-Monika Lauter von der Stiftung. Projekte in Syrien zu unterstützen, sei wegen der Kämpfe dort kaum möglich gewesen. Aber von Jordanien aus beobachteten Archäologen mit Sorge, wie Ausstellungsstücke aus syrischen Museen geraubt oder gleich zerstört wurden. Und stellten sich die bange Frage: Wie können wir uns schützen, nur für den Fall?

So kam es dazu, dass die Stiftung eine Kooperation zwischen der Antikenverwaltung Jordaniens und dem Deutschen Evangelischen Institut für Altertumswissenschaften des Heiligen Landes (DEIAHL) unterstützt. Das Projekt: die Dokumentation und Sicherung von Ausstellungsstücken im Archäologiemuseum auf der Zitadelle in Amman, der jordanischen Hauptstadt. Anders als bei vielen archäologischen Projekten steht hier keine Ausgrabung im Fokus. „Die archäologische Arbeit geht im Museum weiter“, sagt Dieter Vieweger, Professor für Biblische Archäologie und Direktor des DEIAHL. „Wir müssen uns ständig fragen: Wie sichere ich die Funde? Wie stelle ich sie aus?“ Die Aufbereitung komme oft zu kurz.

Das Institut steht auf dem Ölberg Jerusalems. Wenn die Nacht klar ist, sieht Vieweger die Lichter Ammans, das nur rund 60 Kilometer entfernt ist. Jerusalem wirkt beschaulich im Vergleich zur Millionenstadt Amman. Wolkenkratzer ragen in der Wüste auf, Baustellen, aber da sind auch: Tausende Jahre Geschichte. Tempel, Moscheen, Amphitheater. Sogar im Alten Testament ist die Stadt erwähnt.

Mitten in der Altstadt erhebt sich der Zitadellenhügel, darauf wuchtige Ruinen aus der Römerzeit und das Archäologiemuseum. Hier koordiniert Viewegers Mitarbeiterin Dr. Jutta Häser, eine Expertin für vorderasiatische Archäologie, das Projekt „Dokumentation von Objekten in jordanischen archäologischen Museen“ (DOJAM). Gut 2.000 Stücke umfasst die Ausstellung, darunter die sogenannten Schädel von Jericho und die berühmten Statuen aus Ain Ghazal. Noch einmal 8.000 Objekte sollen in den Lagern liegen, teils in Abstellkammern, dunklen Räumen, auf unzähligen Regalen.

Niemand weiß, wie viele es sind. Denn der einzige Beleg dafür ist ein Inventarbuch. 20.000 Einträge, handschriftlich geführt. Nicht immer ist verzeichnet, wann ein Objekt ins Museum kam. Oder es verließ. Und nicht jedes Stück hat eine eigene Nummer. Einmal entdeckte Häser 150 Öllampen, zusammengefasst in einem Eintrag. Auch auf den Torso einer Statue ist sie gestoßen, mutmaßlich die Darstellung eines ammonitischen Königs. Lässt sich das belegen, wäre es eine archäologische Sensation. Verzeichnet war der Torso nirgends. Es ist ein Chaos, aber kein spezifisch jordanisches. Es ist eine Situation wie in vielen Museen weltweit: wenig Geld und wenige Mitarbeiter, die mit dem Tagesgeschäft voll ausgelastet sind. Die Lager müssen erst einmal warten. Im besten Fall passiert nichts. Im schlechten Fall nimmt ein Dieb eine Statue mit oder einen Krug. Und im schlechtesten brennt es, wie im September im brasilianischen Nationalmuseum in Rio de Janeiro. Was, wenn das im Museum in Amman passiert? Alle Bestände wären dahin und das Inventarbuch gleich mit. Nichts wäre zu rekonstruieren.

Notfallplan für Kriege oder Katastrophen

Tag für Tag fährt Häser darum auf den Zitadellenhügel, nimmt mit den jordanischen Kollegen Objekte aus der Vitrine, bestimmt sie, sichtet Unterlagen, recherchiert in Büchern, kontrolliert das Inventarbuch. Ein Kollege fotografiert jeden Krug, jede Figurine, also eine kleine Menschendarstellung, jedes Werkzeug aus vielen verschiedenen Perspektiven. Was beschädigt ist, wird restauriert. Die Lager werden renoviert, stabile Kisten angeschafft. Ein Informatiker hat eigens eine Datenbank mit Dutzenden Kategorien programmiert: Krug oder Kanne, Waffe oder Werkzeug? Siegel aus Karneol oder Lapislazuli? Die Mitarbeiter speisen die Funde ein.

Häser erarbeitet auch einen Notfallplan für Naturkatastrophen oder Kriege – mögen sie auch noch so unwahrscheinlich sein. Häser weist eigens darauf hin, dass sie sich immer sicher fühlt. „Amman ist auch nicht gefährlicher als Berlin oder Wuppertal“, sagt sie. Aber man will einfach gewappnet sein.

Bis jetzt haben sie auf dem Zitadellenhügel etwa 1.500 Exponate digital erfasst. 1.500 Exponate, die damit faktisch dem illegalen Antikenhandel entzogen sind. Würde eines davon in einem Auktionshaus auftauchen, könnte Interpol eingreifen. Und mit der Datenbank lassen sich auch Fundzusammenhänge rekonstruieren, erklärt Häser. „Wir können Objekte, die zum Beispiel aus einem Grab stammen und dann getrennt in die Ausstellung gelangten, wieder zusammenbringen.“

Zu Häsers Aufgaben gehört auch das Training der jordanischen Kollegen. Alle seien Experten in Archäologie, aber die digitale Erfassung ist für viele neu. Dort kann das Institut mit seiner Expertise ansetzen. „Wir zeigen nicht: So wird es gemacht“, erklärt etwa Direktor Vieweger das Prinzip. „Manche Dinge können wir, da bringen wir unser Wissen ein.“ Langfristig sei es der Plan, dass die jordanischen Kollegen die Arbeit eigenständig fortführen.

Denn wenn die Erfassung auf dem Zitadellenhügel 2020 abgeschlossen sein wird, soll das Pilotprojekt ausgeweitet werden, auf andere Museen. „Irgendwann soll es ein landesweites System geben, mit dem man alle Funde aller Museen registrieren kann“, sagt Vieweger. „Das wäre großartig.“ Der jordanische Anteil an der abendländischen Geschichte, der oft leichtfertig unterschlagen wird – er wäre dann ein Stück weit sichtbarer geworden.

Autor:

Bernhard Hiergeist

Über die Gerda Henkel Stiftung

Die Gerda Henkel Stiftung wurde im Juni 1976 von Lisa Maskell zum Gedenken an ihre Mutter Gerda Henkel als gemeinnützige Stiftung in Düsseldorf errichtet. Ausschließlicher Stiftungszweck ist die Förderung der Wissenschaft, vornehmlich durch fachlich und zeitlich begrenzte Arbeiten auf dem Gebiet der Geisteswissenschaft an Universitäten und Forschungsinstituten. Seit 2015 setzt sich die Stiftung verstärkt für den Erhalt kulturellen Erbes vor allem in Krisenregionen ein.

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Dieser Text erschien zunächst als Editorial unserer Sonderpublikation “Stiftungen und Kulturerbe”, die Anfang Dezember der Zeitung “Die Welt” und dem Magazin “Arsprototo” der Kulturstiftung der Länder beilag.

Förderer der Sonderpublikation „Stiftungen und Kulturerbe“ sind das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz, die Kulturstiftung der Länder, die Volkswagen Stiftung und die Wüstenrot Stiftung.

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