Der Osten stiftet anders

Franz-Martin Schäfer, Justiziar der Ehrenamtsstiftung MV, über aktuelle und vergangene Entwicklungen im Stiftungswesen in Mecklenburg-Vorpommern.

Portrait Franz-Martin Schäfer
Foto: Barbara Bechtloff
Portrait Franz-Martin Schäfer

Herr Schäfer, Sie beraten Stiftungen, Ehrenamtliche und Vereine in Mecklenburg-Vorpommern, wie sie ihre Arbeit besser machen können. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es deutschlandweit die wenigsten Stiftungen. Abgesehen von den reinen Zahlen: Was unterscheidet die Stiftungslandschaft dort von den westlichen Bundesländern?
Franz Schäfer
: Zunächst einmal gibt es historisch bedingte Unterschiede. In der Zeit des Nationalsozialismus und der DDR gab es einen Bruch in der Stiftungstradition. Im Osten fehlen gegenüber den westlichen Bundesländern 40 Jahre Aufbau von stiftungsfreundlichen Strukturen. Es fehlen auch 40 Jahre des Ansammelns von finanziellen Mitteln, die von einer an die nächste Generation weitervererbt werden. Das ist deutlich zu spüren. Den 80-jährigen Stifter, der 50 Millionen Euro für das Gemeinwohl einsetzen will, habe ich hier soweit ich weiß noch nicht getroffen. Die spannende Frage ist: Wie gehen wir damit um? Wie gelingt es, trotzdem eine lebendige Stiftungslandschaft zu etablieren?

Und wie?
Das Fehlen von üppigen Finanzmitteln wird zum Teil durch ehrenamtliches Engagement ausgeglichen. Das ist der wichtigste Aspekt, weil es deutlich mehr Möglichkeiten bietet als das „pure Geld“. Wenn eine Stiftung Geld hat, aber keine Ideen und keine Leute, die die Ideen umsetzen, nützt ihr das wenig. Man braucht einen Dreiklang: Geld, Zeit und Ideen. Aber die Köpfe sind die wichtigste Ressource. Kooperationen mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren sind ebenfalls ein wichtiger Baustein, zum Beispiel mit Stiftungen und Vereinen vor Ort. Immer wieder den Erfahrungsaustausch zu suchen – Netzwerken ist ein Schlüssel zum Erfolg.

Können Sie ein Beispiel geben?
Im April 2017 wurde die Bürgerstiftung Neubrandenburg gegründet, die ich in der Startphase begleitet habe. Es war sehr beeindruckend, wie die Initiatoren die zu Beginn fehlenden finanziellen Ressourcen durch Engagement, Überzeugungsarbeit und gutes Netzwerken ausgeglichen haben. Weil das Stiftungsvermögen in einem angemessenen Verhältnis zu den Stiftungszwecken stehen muss, hatte die Stiftungsaufsicht der Gründungsinitiative die Vorgabe gemacht, dass sie 100.000 Euro Startkapital mitbringen muss. Das ist in dieser Region eine hohe Hürde. Die Initiatoren sind dann losgezogen und haben Menschen angesprochen, die potenziell als Gründungsstifterinnen und -stifter in Frage kamen. Mit ihren eigenen Netzwerken haben sie weitere erschlossen und so schließlich 87 Personen gewonnen, die gesagt haben: Wir sind dabei. So konnte die Stiftung mit 104.000 Euro Grundstockvermögen starten. Weil das funktioniert hat, sind weitere Menschen darauf gestoßen und mit an Bord gekommen. Die Initiatoren sind das Ganze sehr strategisch und schlau angegangen.

Angesichts der Zinslage stehen nur geringe Vermögenserträge zur Verfügung, was bei einem kleinen Stiftungsvermögen besonders schmerzlich ist. Wie meistern die Stiftungen das?
Bei vielen Ost-Stiftungen spielt das Einwerben von Spenden eine zentrale Rolle. Oft fahren sie zweigleisig: Einerseits werben sie Zustiftungen ein, um für die Zeiten, wenn die Zinsen wieder höher sind, ein größeres Grundstockvermögen zu haben. Damit sie Projekte umsetzen können, brauchen sie aber Spenden. Gute Projekte sind der Schlüssel zum Erfolg. Sie sind elementar wichtig, um sichtbar zu sein, Aufmerksamkeit zu erzeugen und weitere Unterstützung zu mobilisieren. Auch um zu zeigen: Das passiert mit eurem Geld. Je konkreter, desto besser!

Was motiviert Menschen, sich für das Gemeinwohl zu engagieren – zum Beispiel in Bürgerstiftungen?
Viele Stifterinnen und Stifter sagen mir: „Ich hätte niemals gedacht, was mir mein Engagement zurückgibt. Ich habe durch mein Ehrenamt so viele interessante Leute kennengelernt und so viel Neues mitbekommen.“ Also: Geben ist keine Einbahnstraße! Wer sich engagiert, bekommt auch viel zurück.

Autorin

Das Interview führte Benita v. Behr, freie Journalistin und Lektorin in Berlin.

Kontakt: post[at]benita-von-behr[punkt]de

Franz-Martin Schäfer

ist Justiziar und Referent für Beratung und Information bei der Stiftung für Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement in Mecklenburg-Vorpommern (Ehrenamtsstiftung MV) in Güstrow. Als Regionalkurator Mecklenburg-Vorpommern des Bündnisses der Bürgerstiftungen Deutschlands berät er unter anderem Gründungsinitiativen von Bürgerstiftungen.

Kontakt: schaefer[at]ehrenamtsstiftung-mv[punkt]de

© Fulcanelli — fotolia.com

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