"Der gesamtgesellschaftliche Gewinn wäre gigantisch." – Warum sich Sprachförderung lohnt

Kinder haben Spaß während der Sprachförderung
Impuls
Foto: Stiftung Fairchance

Am 26. September ist der Europäische Tag der Sprachen, der auf die Vielfalt aller Sprachen aufmerksam macht und die allgemeine Relevanz des Sprachgebrauchs feiert. Leider hat nicht jeder den Zugang und die nötigen Ressourcen, um sprachliche Kompetenzen zu entwickeln. Warum Sprachförderung für unsere Gesellschaft unabdingbar ist, erläutert Alexander Wolf, Geschäftsführer der Stiftung Fairchance, im Interview. 

Foto: Stiftung Fairchance
Alexander Wolf, Geschäftsführer der Stiftung Fairchance

Herr Wolf, die Stiftung Fairchance setzt sich für die Integrations- und Sprachförderung von Kindern und Jugendlichen ein. Dazu haben Sie das Projekt „MITsprache“ ins Leben gerufen, das die Sprachförderung von Kindern im Alter von vier bis acht Jahren durch spezielle sozialpädagogische als auch sprachwissenschaftliche Methoden anregt. Wie genau gehen Sie beim Vermitteln vor? Was sind Ihre Ansätze?  
Grundlegender Bestandteil des MITsprache- Sprachförderprogrammes sind die praxistauglichen Sprachfördermaterialen, die auf einem wissenschaftlichen Förderkonzept der Universität Heidelberg basieren. Sprachstandserhebungen ermitteln dabei die Sprachniveaus der Kinder, die daraufhin in sprachlich homogenen Kleingruppen gefördert werden, so dass auch alle Kinder ausreichend zu Wort kommen.

Umfangreiche sprachwissenschaftliche und praxisbegleitende Fortbildungen für LehrerInnen und ErzieherInnen bilden eine zweite Säule. Dabei wird begleitend bereits mit der Förderung der Kinder begonnen und die MITsprache-Sprachwissenschaftler bieten einen direkten Feedback-Kanal zu den Förderkräften an. Dieser bleibt auch nach Abschluss der Fortbildungen bestehen und wird zum Austausch gern genutzt.

Um auf regionale Besonderheiten gesondert einzugehen sowie den regelmäßigen Erfahrungsaustausch zwischen Förderkräften zu ermöglichen, organisiert die Stiftung Fairchance dabei regelmäßig regionale Austauschtreffen aller MITsprache-Einrichtungen.

Auch die soziale Herkunft und die außerschulische Erziehung spielen für den Spracherwerb eine wichtige Rolle. Vor allem Kinder, die zu Hause kein Deutsch sprechen, müssen speziell gefördert werden. Inwiefern beziehen Sie Elternarbeit in Ihr Projekt mit ein?  
Sozialpädagogische Elternarbeit bildet die dritte Säule von MITsprache – Sprachförderung endet eben nicht in der Kita oder Schule, sondern geht zuhause weiter. Durch MITsprache-Elternarbeit werden gezielt sprachförderliche Maßnahmen an die Eltern vermittelt, die Bindung zu den Bildungseinrichtungen erhöht und auch die Chancen der Mehrsprachigkeit dargestellt.

Können Sie aus Ihrer Sicht die Folgen unzureichender Integrationsarbeit und Sprachförderung für die Gesellschaft nennen? Wieso ist die Arbeit in diesem Themengebiet so bedeutsam für uns alle?   
 Die Bekämpfung unzureichender Integration ist allein im ureigensten Interesse eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wir gewinnen nicht nur gemeinsam Chancen durch eine bunte Gesellschaft und profitieren davon, wir schaffen darüber hinaus mehr sozialversicherungspflichtige Arbeit und entlasten dabei massiv unsere Sozialsysteme.

Deutschland verzeichnet jedes Jahr neue Negativ-Rekorde bei der Berufsausbildung junger Erwachsener. Im Jahr 2019 haben wir inzwischen 2,1 Millionen junge Menschen zwischen 20 und 34 Jahren ohne Berufsabschluss – das sind über 14 Prozent in dieser Altersgruppe. Ein großer Teil davon ist auf unzureichende Integration zurückzuführen, unzureichende Bildung ist dabei ein wesentlicher Aspekt. Als Indikator verzeichnen wir allein im Jahr 2019 mehr als 53.000 Schulabgänger, die die Schule ohne Abschluss verlassen haben, der Faktor bei vorliegendem Migrationshintergrund ist vier- bis fünfmal höher.

Frühe Sprachförderung setzt genau da an: Mit gezielter Unterstützung der Kinder und Familien die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Bildungserwerb zu schaffen. Nochmal: Hier muss sich die Politik deutlich mehr ins Zeug legen, denn bereits mit diesen Maßnahmen können wir für einen Teil dieser Kinder gleichberechtige Chancen ermöglichen. Unsere Kooperationen zur strukturellen Implementierung des Mitsprache-Programmes gemeinsam mit behördlichen Stellen, beispielsweise in Berlin-Mitte oder Bremen, zeigen, dass es geht. Gezielte, sprachniveauabhängige Sprachförderung wirkt! Bitte mehr davon.

Zwei Kinder winken in die Kamera während ihrer Sprachförderung
Foto: Stiftung Fairchance

Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf und was wünschen Sie sich von der Politik und weiteren Akteuren, um Sprachförderung und Integrationsarbeit zu verbessern? 
Politisch herrscht inzwischen ein breiter Konsens darüber, dass der Erwerb der deutschen Sprache essenziell für gesellschaftliche Teilhabe ist. Damit hat auch das Thema Sprachförderung bei mangelnden Deutschkenntnissen inzwischen eine zentrale Bedeutung erlangt und dies unabhängig davon, ob Erwachsene, Jugendliche oder Kinder Förderbedarf haben. Dabei liegen die größten Chancen für eine erfolgreiche Integration bei der frühen Sprachförderung von Kindern und Jugendlichen.

Und obwohl auch das sehr nachvollziehbar ist, hat es die Politik bisher leider nicht geschafft, in allen Jahrgängen, insbesondere aber in den frühen Schuljahrgängen eine intensive Sprachförderung strukturell, wirksam und gleichermaßen nachhaltig in den Bildungseinrichtungen zu verankern. Bundesweit sind mehr regionale Sprachförderkonzepte im Einsatz, als wir Bundesländer haben - von der Anzahl vorherig notwendiger Sprachstandserhebungen ganz zu schweigen. Diese Fragmentierung der Programme und Verfahren sowie die mangelnde Vergleichbarkeit verhindert den Wettstreit um die besten Lösungen in unserem föderal organisierten Bildungssystem.

Dabei benachteiligt das politische Versäumnis hier insbesondere die Kinder in sozialen Brennpunkten, die besonders intensiven, individuellen Förderbedarf haben. Für sie reichen die breit gefassten, alltagsintegrierten Fördermaßnahmen einfach oftmals nicht aus. Die dortigen Kinder benötigen eine zusätzliche intensive, individuelle und additive Sprachförderung. Verantwortliche bei Behörden, Kita-Trägern und Grundschulen allen Ortes haben sich in den letzten Jahren auf eine vehemente Verteidigung jeweils eines dieser Sprachförderansätze verschrieben. Was soll denn das?

Ich fordere hier von der Politik, gerade die Kinder mit erhöhtem Sprachförderbedarf nicht aus dem Blickwinkel zu verlieren, sondern alles dafür zu tun, den Bildungseinrichtungen den hierfür nötigen personellen, zeitlichen und finanziellen Spielraum zur Verfügung zu stellen. Zweitens muss der Absolutheitsanspruch jeweils nur eines Sprachförderansatzes aufgelöst werden: Kein Entweder-Oder mehr, sondern miteinander-verzahnt; integrativ. Und drittens: Es sollte seitens der Politik eine Vergleichbarkeit der Förderkonzepte hergestellt werden.

Es darf in unserem Bildungssystem nicht passieren, dass eine Bildungseinrichtung mit Sprachförderbedarf für seine Kinder keine Sprachförderung anbieten kann, weil Förderstunden an Schulen nicht genehmigt werden oder sich strikt auf einen allgemeingültigen Sprachförderansatz konzentriert wird - oder werden soll.

Und natürlich kostet die bundesweit strukturelle Implementierung von Sprachförderung an Kitas und Grundschulen eine Menge Geld. Aber: Der gesamtgesellschaftliche Gewinn wäre selbst dann gigantisch, wenn wir nur einem kleinen Teil der Kinder durch gezielte Sprachförderung zu Bildung, einem erfolgreichen Schulabschluss und gesellschaftlicher Integration verhelfen. Diese Gleichung ist nicht schwer zu lösen.

"Je mehr wir zu einer besseren Bildung beitragen, umso mehr tun wir dafür, dass platte, simplifizierende Botschaften keinen Platz in unserer Gesellschaft haben, dass Ausgrenzung entgegengewirkt und das gegenseitige Verständnis gefördert wird. "
Alexander Wolf, Geschäftsführer Stiftung Fairchance
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Kommen wir zu einem anderen Thema: Das Erstarken rechtsextremer Tendenzen stellt die deutsche Gesellschaft vor große Herausforderungen. Bemerken Sie diese Spannungen in Ihrer alltäglichen Arbeit?  
Bislang hatten wir von Rechtsextremen keine unmittelbaren Anfeindungen und Störaktionen gegen unsere Arbeit. Aber aus Rückmeldungen einiger Eltern vernehmen wir durchaus diskriminierende Äußerungen ihnen gegenüber.

Wir sind uns darüber im Klaren, das wachsender Rechtsextremismus ein Problem in unserer Gesellschaft ist, dass Rechtsextreme platte Antworten propagieren, in Menschen mit Migrationshintergrund Feindbilder suchen und Hass gegen sie schüren. Die Welt ist aber nicht platt und die Erde ist auch keine Scheibe. Deshalb treten wir, wo immer wir damit konfrontiert werden, rechtsextremen Tendenzen entgegen. Das ergibt sich schon aus dem Grund- und Kernanliegen unserer Stiftung: Je mehr wir zu einer besseren Bildung beitragen, umso mehr tun wir ja dafür, dass platte, simplifizierende Botschaften keinen Platz in unserer Gesellschaft haben, dass Ausgrenzung entgegengewirkt und das gegenseitige Verständnis gefördert wird. 

Über die Stiftung Fairchance

Die Hauptziel der Stiftung Fairchance ist es, Kindern und Jugendlichen durch gezielte Sprachförderung bessere Perspektiven und Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben in Deutschland zu ermöglichen. Sie hat ihren Sitz in Berlin. Das Interview wurde schriftlich mit Geschäftsführer Alexander Wolf geführt. 

www.stiftung-fairchance.org

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