Das Wenige ist viel

Ein Appell an Stiftungen zur (Mit-)Machbarkeit beim Klimaschutz und der Energiewende.

Die Energiewende ist ein komplexes und alle gesellschaftlichen Subsysteme betreffendes Vorhaben – „ein Gemeinschaftswerk“, wie Prof. Dr. Klaus Töpfer bei der Vorstellung des Abschlussberichts der Ethik-Kommission Sichere Energieversorgung 2011 betonte. Jede Institution und jeder Einzelne ist betroffen in seinem Handeln und seinen Entscheidungen. Das macht es so kompliziert. Denn wir Einzelne sind träge im Wohlstand und meiden verunsichernde Änderungen, während vor allem große etablierte Strukturen, zum Beispiel Konzerne, ihre an das alte Energiesystem gekoppelten Geschäftsmodelle nicht aufgeben wollen. Auch politische Parteien trauen sich nicht, uns Bürgern und Wählern Neues vorzuschreiben. Eine gefährliche Patt-Situation.

Stiftungen können hier funktionierende Alternativmodelle zeigen oder, falls diese noch nicht vorliegen, sie entwickeln. Damit erzeugen sie Druck von unten, indem sie Entscheidungsträgern gesamtgesellschaftlich vorteilhafte und funktionierende Alternativen zur Verfügung stellen. Rahmenbedingungen entsprechend zu ändern, erfordert dann mutige und weitsichtige Entscheidungen der Politik.

Die deutsche Energiewende

„Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden.“ Manche Historiker sind der Meinung, J.R.R. Tolkien hätte in seiner bekannten Trilogie „Der Herr der Ringe“ mit dem besagten Ring die Industrialisierung und damit unsere Abhängigkeit von umweltzerstörender Kohlenstoffverbrennung beschrieben.

Die Bundesrepublik Deutschland hat sich auf den Weg gemacht, diese Abhängigkeit zu beenden:

  1. Atomausstieg bis 2022 vollenden
  2. bis 2050 den Energieverbrauch halbieren (­verglichen mit 1990)
  3. die benötigte Energie dann zu 80 bis 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen gewinnen

Dieses mutige und angesichts der Dramatik des Klimawandels nötige Vorhaben bedeutet den Umbau einer führenden Industrienation direkt an einer ihrer zentralen Lebensadern: der Energieversorgung.

Energiewende bedeutet, in den drei Bereichen Strom, Wärme und kinetische Energie (Mobilität) massive Änderungen vorzunehmen: Durch die Verbrennung von Öl und Kohle sowie Gas erzeugen wir derzeit noch Wärme, Strom und Bewegungsenergie. Erneuerbare Anlagen, wie Windräder, Photovoltaik und Wasserkraft, erzeugen dagegen primär Strom. Daher müssen Wärme und Bewegungsenergie im neuen System aus Strom gewonnen werden. Dies betrifft alle gesellschaftlichen Sektoren, wie zum Beispiel Industrie, Verkehr, Landwirtschaft, Energieerzeugung, private Haushalte und damit jeden Einzelnen von uns.

Doch die Energiewende birgt auch immense Vor-
teile. Beispiel Mobilität: Die vollständige Elektrifizierung des deutschen Verkehrssystems spart Energie in der Größenordnung von zwei Dritteln ein. Damit sind im Verkehrsbereich Ziel zwei und drei erfüllt. Nebenbei wird die Luft sauberer, die Abhängigkeit von Rohstoffländern werden verringert, der Verkehr wird leiser und durch Sharing-Systeme werden Räume – besonders in den Städten – verkehrsärmer und lebenswerter. Zwar bleibt uns keine Wahl, aber die Mühen und Risiken des Wandels lohnen sich gleich mehrfach.

Energiewende gemeinsam gestalten –
auch gegen Widerstände

Bei der Energiewende ist Deutschland keinesfalls allein. Die EU und viele andere Staaten haben sich inzwischen einen ähnlichen Weg verordnet. Gleichzeitig beschreiben Politiker und Fachleute aus der Entwicklungszusammenarbeit die Energiewende global gesehen als die größte deutsche Entwicklungsmaßnahme.

Auch bei den großen Energiekonzernen „des alten Geschäfts“ setzt ein Umdenken ein, wie eine aktuelle Meldung des größten unabhängigen Vermögensverwalters Blackrock zeigt. Immer stärker setzt sich die Erkenntnis durch, dass der Klimawandel die Stabilität von Ernten, Tourismus, Gesellschaften bedroht beziehungsweise erste Teile davon schon jetzt zerstört und damit Grundlagen unseres Wirtschaftssystems gefährdet – ein Zusammenhang, auf den Ökologen seit mindestens 20 Jahren hinweisen.

Hört (endlich) auf die Jugend …

Das Erkennen der politischen und ökonomischen Missstände befreit uns alle nicht davon, unser eigenes Verhalten Stück für Stück zu ändern. Denn schon jetzt leiden Menschen in einigen Ländern und Erdteilen unter dem Klimawandel. Wir bekommen es mit, glauben aber nicht, dass es etwas mit unserem Verhalten zu tun haben könnte. Verhalten wir uns also einfach unsozial?

Es erscheint wie eine glückliche Fügung und ein beschleunigender Katalysator, dass unsere angeblich so unpolitische Jugend plötzlich auf die Straße geht und uns Älteren – ob unseres verschwenderischen Lebensstils, der uns so unglaublich normal erscheint und dennoch eine historisch beispiellose Ausnahmesituation darstellt – durch ihre Streiks, die sie mit Strafarbeiten und Klassenbucheinträgen bereit ist zu bezahlen, ihre Angst und Sorge vermittelt. Angeführt von einer jungen Frau, die wie ein Kristallisationspunkt wirkt, den wir dringend auch im Politischen bräuchten. Denn der Klimawandel ist wie die Energiewende eine gesamtgesellschaftliche und damit eine politische Aufgabe.

… und auf die Wissenschaft

Klimaforscher weltweit sind in höchster Sorge, da ihre Messungen eine schnellere Erwärmung anzeigen als ihre komplexen Klimarechenmodelle: Schneller als berechnet – und von uns Bürgern weitgehend unbemerkt – nimmt der Gehalt klimawirksamer Gase wie CO2, Methan und Lachgas zu, schmelzen Gletscher und Eisschilde, taut Permafrostboden Methangas freigebend und verlagern Tierarten wie Schwertwale temperaturbedingt ihre Lebensräume. All dies deutet darauf hin, dass wir Kipppunkte in den für uns lebenswichtigen Ökosphären schneller erreichen werden als gedacht oder, schlimmer noch, bereits überschritten haben.

Stiftungen sind „gesellschaftliche Entwicklungsmaschinen“ und müssen diese Rolle als solche sichtbar ausfüllen. Und vielleicht müssen sie sich künftig noch mehr um unsere physischen und psychischen Lebensgrundlagen kümmern, denn wir sind abhängig von der Gnade der Natur. Wir sind nicht allein, sondern stehen unter Beobachtung – durch unser Gewissen und künftige Generationen, die uns beurteilen. An unseren Taten wird sich zeigen, wer wir wirklich sind.

Also, fangen Sie einfach mutig an, als Person und in Ihrer Institution! Gute Beispiele und Ansätze gibt es mehr als genug. Die VRD Stiftung beispielsweise engagiert sich seit Jahren vor allem im Bereich Bildung zu Energie(-­wende) und Nachhaltigkeit an Schulen und Kindergärten. Seit Kurzem versucht die Stiftung zusammen mit Partnern, das Thema Agroforstwirtschaft auch in Deutschland bekannter zu machen. Denn die gezielte und maschinengerechte Kombination von Bäumen mit Acker- und Weideflächen birgt neben Kohlenstoffbindung im Boden und im Holzkörper zahlreiche weitere ökologische und ökonomische Vorteile.

Nutzen Sie die Möglichkeiten als Stiftung, beispielgebende Projekte für Klimaschutz und Energiewende zu kreieren, das Thema in Ihre bereits vorhandene Arbeit zu integrieren oder an strukturellen, politischen Änderungen mitzuarbeiten. Auch kann sich Ihre Stiftung am „Leitbild klimafreundliche Stiftung“ und am Grundsatz 6 der Grundsätze guter Stiftungspraxis ausrichten. Selbstwirksamkeit zu erleben, tut uns gut. Es geht nicht um entweder/oder beziehungsweise alles oder nichts, sondern ums Losgehen, um dann immer schneller immer mehr richtig zu machen. Wir wissen alle, was zu tun ist, wir müssen nur anfangen, ganz im Sinne Albert Schweitzers: „Das Wenige, das du tun kannst, ist viel.“ Es ist absurd, wenn die halbe Menschheit denkt: „Ich kann alleine nichts ausrichten.“

Über den Autor:

Dr. Georg Eysel-Zahl ist Geschäftsführer der VRD Stiftung für Erneuerbare Energien.

www.vrd-stiftung.org

Beitrag aus: Stiftungswelt Frühling 2020
Magazin Stiftungswelt

Klimaschutz und Nachhaltigkeit

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