„Beim CO2-Abbau zählt jedes Gramm“

Wer im Klimaschutz etwas bewegen will, muss vorangehen, sagt Alexander Bonde, Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Im Interview spricht er darüber, wie wichtig bei der Nachhaltigkeit einmal mehr die Arbeit von Stiftungen als gesellschaftliche Vorreiter ist. Und warum angesichts der Herkules-Aufgabe Klimaschutz auch seine milliardenschwere Stiftung vor allem auf kleine Schritte setzt.

Alexander Bonde
Foto: DWR eco
Alexander Bonde

In Niedersachsen residiert mit der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) eine der größten Stiftungen Europas. Rund zwei Milliarden Euro Vermögen setzen die Stiftung, ihre Tochtergesellschaften und ihre 150 Mitarbeitenden seit 20 Jahren für Umwelt und Soziales ein. Das Stiftungsvermögen stammt aus dem Verkauf der bundeseigenen Stahlwerke der Salzgitter AG in den 1990er-Jahren. Anstatt das Geld in die Staatskasse fließen zu lassen, entschied das Bundeskabinett im Jahr 1999, mit dem Erlös eine Umweltstiftung zu gründen. Heute ist die DBU unabhängig von der Politik, pflegt aber enge Beziehungen zur Wirtschaft – einem der Big Player im Kampf gegen den Klimawandel. Im Interview erklärt DBU-Generalsekretär Alexander Bonde, wie sich die DBU für den Klimaschutz einsetzt und warum die Arbeit jeder einzelnen Stiftung dabei so entscheidend ist.

„Wir finden es gut, dass die Stiftungslandschaft das Thema Klima- und Umweltschutz aktiv angeht.“
Alexander Bonde, Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt
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Stiftungswelt: Herr Bonde, die DBU ist in der glücklichen Position, sehr gut mit Personal und Kapital ausgestattet zu sein. Wie setzt man so viel Kraft sinnvoll ein?
Alexander Bonde:
 Unsere Ausstattung entspricht unserem Förderauftrag. Den setzen wir mit unserem Know-how und unserem Geld durch innovative, umweltentlastende Modellprojekte um. Umfangreiche Grundsatzpapiere gibt es viele, was es noch dringender braucht, ist aktives Handeln. Darum investieren wir unsere Fördergelder in unterschiedliche Projekte. So können wir viele Innovationen in Technik, Forschung und Bildung unterstützen und damit möglichst viele Menschen erreichen. Nur so können wir etwas im Kampf gegen den Klimawandel ausrichten. Auch wenn die meisten beim Thema CO2 direkt von Tonnen sprechen, sollten wir eines im Kopf behalten: CO2 entsteht grammweise – und so müssen wir es auch reduzieren. Jeder noch so kleine Schritt zählt. Deswegen ist es sinnvoll, dass alle mithelfen.

Ein Motto, das Stiftungsakteuren nicht fremd ist. Die meisten Stiftungen sind klein, arbeiten rein ehrenamtlich. Welche Rolle kommt ihnen im Klimawandel zu? 
Stiftungen sind, unabhängig von der Größe, ein wichtiger Motor der Gesellschaft. Sie vereinen Menschen mit gleichen Zielen und setzen viel Kapital für gemeinnützige Zwecke ein. Mit ihrer Arbeit und ihrem großen Engagement beeinflussen Stiftungen die Gesellschaft im positiven Sinne und gehen mit gutem Beispiel voran. Immer mehr Stiftungen beschäftigen sich – unabhängig von ihren individuellen Zielstellungen – zum Beispiel mit nachhaltigen Investments. Wir finden es gut, dass sich die Stiftungslandschaft unabhängig von den Zielen einzelner Stiftungen immer stärker solchen Aspekten widmet und das Thema Klima- und Umweltschutz aktiv angeht. Diese grundsätzliche Motivation und Einstellung kann sich dann auch auf die Projektarbeit und damit auf die Gesellschaft übertragen. Dieser Hebel ist einer der wichtigsten, den Stiftungen in ihrer Hand halten. Sie sind gesellschaftliche Akteure und können Menschen im Kampf für eine Sache vereinen. Auch viele mittelständische Unternehmen, mit denen wir täglich zusammenarbeiten, denken im Übrigen so.

Dabei ist die Motivation doch eine ganz andere …  
Stiftungen verfolgen keine monetären Ziele. Im Alltag und bei ihrer Arbeit handeln sie dennoch in vielerlei Hinsicht wie Unternehmen. Stiftungen müssen gut wirtschaften, tragen eine gesellschaftliche Verantwortung und kommen ohne Unterstützung nicht voran. Je größer dabei der Beitrag für den Klimaschutz, umso besser. Das heißt aber nicht, dass jede Stiftung eine Umweltstiftung und jedes Unternehmen ein Nachhaltigkeitspionier werden muss. Entscheidend ist, dass alle verstehen: Ich kann im Rahmen meiner Möglichkeiten etwas tun – sei es als Kulturstiftung, Schützenverein oder als Automobilunternehmen. Alle müssen umdenken und gemeinsam anpacken.

Wie kann das funktionieren? 
Eine wichtige Rolle spielt die Wirtschaft. Wir unterstützen viele Nachhaltigkeits-Projekte von Unternehmen und Wissenschaft. Virtuelle Kraftwerke zum Beispiel sind Verbünde dezentraler Quellen erneuerbarer Energie, die zuverlässig und kalkulierbar elektrische Leistung bereitstellen und damit oft nicht so ökologisch produzierende Großkraftwerke ersetzen. Sie sind eine Schlüsseltechnologie für die Energiewende und damit auch für den Klimaschutz. Die Erfolge aus solchen von uns geförderten Projekten zeigen: Es geht auch anders. Im Optimalfall krempeln solche Innovationen ganze Branchen um. In manchen Punkten ist die Wirtschaft beim Thema Nachhaltigkeit bereits weiter als die Politik.

Arbeitet die DBU aktiv mit der Politik zusammen?
Wir tauschen uns mit verschiedenen Bundesministerien und politischen Entscheidungsträgern aus, verstehen uns aber nicht als „Thinktank“. Wir wollen aus der Praxis Beispiele zur Lösung aktueller Fragestellungen liefern. Auf Beschlüsse wie das Klimapaket der Bundesregierung haben wir insofern keinen direkten Einfluss, hätten uns aber trotzdem ein weitergehendes Ergebnis gewünscht. Es gibt schon einen großen Unterschied zwischen dem, was im aktuellen politischen Betrieb als Erfolg erreichbar ist und dem, was die Wissenschaft fordert. Aus unserer Sicht ist ein wirksamer CO2-Preis von zentraler Bedeutung für den Klimaschutz. Denn auch wenn viele Unternehmen ihrer Zeit bereits voraus sind und klimaschonend arbeiten, tun es noch lange nicht alle. Ein höherer CO2-Preis könnte das ändern, da damit der Markteintritt für viele umweltfreundliche Innovationen deutlich einfacher würde. Denn wer unter einer hohen CO2-Steuer wettbewerbstauglich bleiben will, der investiert in Nachhaltigkeit. In dem Punkt muss die Politik Druck machen und einen klareren Rahmen setzen.

Die Bewegung Fridays for Future (FfF) hat es sich zur Aufgabe gemacht, ihrerseits Druck auf die deutsche Politik auszuüben. Wie wichtig sind die Demonstrationen aus Ihrer Sicht? 
Die Jugendlichen haben in Deutschland viel erreicht. Sie haben Impulse in Politik und Wirtschaft gesetzt und das Thema Klimaschutz in den Blickpunkt der Gesellschaft gerückt. Die neue Priorität für den Klimaschutz erleichtert auch unsere Arbeit und hilft uns, Projektideen gemeinsam mit Partnern aus der Wirtschaft umzusetzen. Das Umweltbewusstsein der Deutschen ist seit dem Start von FfF stark gewachsen.

Arbeiten Sie mit FfF zusammen? 
Ja, wir haben zum Beispiel für verschiedene Veranstaltungen Expertinnen und Experten von uns zur Verfügung gestellt. Und mit der von FfF inspirierten Unternehmer-Initiative „Entrepreneurs for Future“ arbeiten wir in einem gemeinsamen Projekt zusammen. Darüber hinaus ergänzen wir und die Fridays-Bewegung uns sehr gut. Die Demonstrationen werben für mehr Aufmerksamkeit, wir arbeiten an der praktischen Umsetzung der umweltrelevanten Forderungen und zeigen konkrete, innovative Modelllösungen für die Wirtschaft auf – die Arbeit beider Seiten wäre ohne den jeweils anderen Part viel schwieriger.

Das Thema Klimaschutz droht die Gesellschaft zu spalten: Auf der einen Seite segelt Greta Thunberg über den Atlantik, auf der anderen Seite stehen Klimawandelleugner wie US-Präsident Donald Trump. Die Diskussion brodelt. Wie können Stiftungen in diesem Zwist eine Brücke schlagen? 
Wir brauchen Stimmen wie Greta Thunberg, die wachrütteln, zum Nachdenken anregen und auch mal ein schlechtes Gewissen machen. Natürlich: Per Segelboot nach New York zu reisen, hat primär medialen Signalcharakter, eine Alternative für alle ist das nicht. Der Erfolg des Klimaschutzes steht und fällt damit, wie praktikabel die Alternativen sind. Was wir brauchen sind machbare Lösungen und konkrete Beispiele. Und da kommen Stiftungen ins Spiel. Neben Veranstaltungen und Aktionen können das auch ganz praktische Dinge sein: Wir haben zum Beispiel beim Bau unserer Stiftungsgebäude darauf geachtet, dass sie bauökologischen und energetischen Kriterien entsprechen und im Fall eines Abrisses einfach demontier- und wiederverwendbar sind. Nur mit echter, mutiger Pionierarbeit und vielen kleinen Schritten können wir die Gesellschaft zum Umdenken bewegen.

Was können Stiftungen konkret tun? 
Für Stiftungen kann es ein erster Schritt sein, selbst möglichst klimaneutral zu arbeiten und darauf zum Beispiel bei Logistik und eigenen Veranstaltungen zu achten. Schwer vermeidbare Emissionen sollten ökologisch sinnvoll kompensiert werden. Hauptsache man fängt an, durchbricht alte Muster und überzeugt mit positiven Beispielen. 

Das Gespräch führte Jennifer Garic

Über den Gesprächspartner:

Alexander Bonde ist Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) in ­Osnabrück. Von 2011 bis 2016 war er Landesminister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz in Baden-Württemberg.

Beitrag aus: Stiftungswelt Frühling 2020
Magazin Stiftungswelt

Klimaschutz und Nachhaltigkeit

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